Lesen im Tandem

Was nützen die besten Lesestrategien oder die spannendsten Bücher, wenn das Lesen selbst mühsam ist? Um Texte zu verstehen, muss man sie schnell und flüssig lesen können. Wer Schwierigkeiten beim Entziffern hat oder sich häufig verliest, kann sich nicht auf den Inhalt des Geschriebenen konzentrieren.

Diese Erkenntnis, dass der Lesefluss zentral für das Leseverständnis ist, war Anlass für die Durchführung des Tandemlesens in verschiedenen zweiten Klassen der Schule Obersiggenthal.

„Drei, zwei, eins ...“, und die Kinder beginnen paarweise, denselben Text zu lesen. Beim Tandemlesen steht nicht der Inhalt im Vordergrund, sondern vor allem das Tempo und der Lesefluss. Die schneller lesenden Kinder übernehmen die Rolle des „Trainerkindes“, während die langsamer lesenden die „Sportlerkinder“ sind. Jeder Text wird mehrmals gelesen, bevor der nächste an der Reihe ist.
Ziel ist es, dass jedes Kindseine Lesekompetenz im Laufe des mehrwöchigen Trainings verbessert.

Die Tandem-Methode wurde 2006 von einem Team um die deutsche Leseforscherin Cornelia Rosenbrock entwickelt und erforscht. Indem die Kinder denselben kurzen Text mehrmals lesen, prägen sich die Wörter in ihren sogenannten Sichtwortschatz ein – Wörter, die sie auf den ersten Blick erkennen, ohne sie buchstabieren zu müssen. Je mehr Wörter im Sichtwortschatz sind, desto sicherer die Lesekompetenz. Das Prinzip ähnelt dem lauten Lesen im Chor, das bis in die 70er Jahre weit verbreitet war, aber im Gegensatz zum Tandemlesen kaum auf das einzelne Kind eingeht.

Mit der richtigen Betonung entwickeln die Kinder zudem ein Gefühl für den Satzbau, was die Grundlage dafür ist, den Inhalt eines Satzes zu verstehen. Damit ein so strukturiertes Lesetraining sinnvoll in die Leseförderung eingebettet werden kann, wird diese Methode in unserem Fall mit anderen freieren und selbstbestimmteren Methoden kombiniert.

Das Lesetraining im Tandem wird von den Kindern unterschiedlich wahrgenommen. Viele erkennen, dass sich ihre Leseflüssigkeit verbessert hat und sind dadurch allgemein motivierter beim Lesen. Einige berichten, dass sie jetzt besser verstehen, was sie lesen.